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Kommentar: Schlechter Journalismus am Beispiel von Firefox

Wer im Internet Artikel konsumiert, sollte aufpassen, denn nicht jede Quelle ist als gleich seriös zu bewerten. Nicht immer steht im Vordergrund, den Leser sachlich über Tatsachen zu informieren, manchmal stehen auch ganz offensichtlich andere Interessen im Vordergrund. Ein Kommentar.

Achtung: Dieser Artikel beschreibt ausschließlich die Meinung und persönliche Interpretation des Verfassers.

Wer auf der Suche nach Informationen ist, findet im Internet viele Informationen. Dabei gibt es jedoch eine große Herausforderung für den Leser, nämlich gute journalistische Qualität von schlechter journalistischer Qualität zu unterscheiden. Diese Beurteilung ist schwierig, sofern sich der interessierte Leser nicht selbst vorher mit den originalen Quellen der Dinge befasst hat, über die er liest. Und ein großer Name des jeweiligen Portals verleitet natürlich schnell dazu, der Qualität dieses Portals zu vertrauen. Allerdings ist ein großer Name vieles, nur kein Qualitäts-Siegel.

Welches andere größte Interesse könnte ein Internet-Portal haben, wenn es nicht das Interesse der sachlichen Information des Lesers ist? Eine mögliche Antwort darauf ist sehr simpel: Einnahmen-Generierung. Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass viele Webseiten nicht zum Hobby betrieben werden, sondern kommerzielle Absichten dahinter stehen. Und daran ist grundsätzlich überhaupt nichts auszusetzen. Wie ich bereits in meinem Kommentar zu Download-Portalen schrieb:

Ein gutes Geschäftsmodell gehört zu (fast) jeder größeren Webseite. Der entscheidende Punkt ist, dass dieses Interesse nicht der Seriosität der Webseite im Weg stehen darf. Die Besucher haben eine seriöse Berichterstattung verdient, denn ohne Besucher gibt es auch kein Geschäftsmodell, so einfach. Das ist ein Geben und Nehmen, es darf nicht nur ein Nehmen der Webseite sein, die dem Besucher irgendwas vorlegt, auch wenn es Quatsch ist.
– Sören Hentzschel am 11. Juni 2015

Inwieweit die Berichterstattung die Einahmen-Generierung tangiert, ist schnell erklärt: bei einem werbebasierten Geschäftsmodell bedeuten mehr Besucher – vereinfacht dargestellt – mehr Einnahmen. Und mehr Besucher generiert man am einfachsten mit sogenanntem Sensationsjournalismus.

Selbstverständlich berichten Internet-Portale nicht nur über die positiven Dinge, sondern auch über die negativen Dinge – oder die Dinge, die sie negativ finden. Das Recht auf freie Meinungsäußerung haben nicht nur Privatpersonen, sondern auch Internet-Portale und das ist gut so.

Dies stellt alles kein Problem dar, solange die Darstellungen denn auch auf Fakten beruhen. Zum Problem wird es, wenn Schlagzeilen bewusst konstruiert werden, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, und eigentlich gar nicht so schlechte Nachrichten absichtlich schlecht verkauft werden, mit dem einzigen Ziel, Klicks zu generieren und Leser auf die Webseite zu bekommen. Man spricht hierbei auch von Clickbaiting:

Mit Clickbaiting bzw. Klickköder wird medienkritisch ein Prozess bezeichnet, Inhalte im World Wide Web mit einem Clickbait (deutsch etwa „Klickköder“) anzupreisen. Clickbaits dienen dem Zweck, höhere Zugriffszahlen und damit unter anderem mehr Werbeeinnahmen durch Internetwerbung oder eine größere Markenbekanntheit der Zielseite bzw. des Autors zu erzielen.

Ein Clickbait besteht in der Regel aus einer reißerischen Überschrift, die eine sogenannte Neugierlücke (englisch curiosity gap) lässt. Sie teilt dem Leser gerade genügend Informationen mit, um ihn neugierig zu machen, aber nicht ausreichend, um diese Neugier auch zu befriedigen, ähnlich einem Cliffhanger.
Wikipedia, aufgerufen am 13.10.2016

Dabei steht es vollkommen außer Frage, dass gute Überschriften Bestandteil guter Internet-Portale sein sollten. Natürlich sollen Überschriften Neugierde wecken und Leser auf die Seite bringen. Entscheidend ist aber wie so oft das wie.

Bei der Webseite chip.de fallen besonders häufig die gewählten Formulierungen in Bezug auf Artikel über Firefox auf. Ich kann und werde das nicht in Bezug auf andere Themen auf dieser Seite einordnen, da ich zum einen keine anderen Artikel auf dieser Seite lese und ich zum anderen ein besonderes Fachwissen zum Thema Mozilla und Firefox vorweisen kann und ich die Artikel von chip.de daher zumindest in Bezug auf Mozilla und Firefox sehr gut einordnen kann.

Deren Artikel unterscheiden sich oftmals deutlich von dem, was man auf anderen Portalen vorfindet. Darüber zu urteilen, obliegt jedem Nutzer selbst, dieses Urteil möchte ich niemandem abnehmen. Ich möchte aber an einem aktuellen Beispiel demonstrieren, mit welchen Formulierungen diese Seite Nutzer lockt und was wirklich dahinter steckt. Beispiele wie diese lassen sich zahlreich auf deren Webseite finden.

Überschrift:
Firefox klaut von Chrome: Mozilla baut den Google-Klon

Inhalt des Artikels:
In diesem Artikel geht es darum, dass Mozilla an Änderungen für Firefox arbeitet, die man in dieser oder ähnlicher Form bereits von Chrome kennt. Dabei werden Themen aufgegriffen wie die Multiprozess-Architektur, WebExtensions, die Synchronisation, der schnelle Release-Zyklus sowie der PDF-Betrachter und Pepper-Flash. Am Ende folgert die Redaktion, Mozilla würde von Google klauen und Firefox würde dadurch zum Chrome-Klon.

Fakten-Check – Was wirklich dahinter steckt:
Zunächst einmal wird durch die Übernahme guter Ideen ein Produkt noch lange nicht zum Klon. Und wenn eine Idee gut ist, wäre man doof, diese Idee nicht zu übernehmen. Denn am Ende des Tages haben alle Browserhersteller das gleiche Ziel: den besten Browser für ihre Nutzer zu entwickeln. Wäre die Tatsache, dass etwas bereits in einem anderen Browser implementiert worden ist, ein Argument gegen irgendetwas, dann hätten wir neben vielen anderen Dingen unter anderem weder in Firefox noch in Chrome Tabs und würden weiterhin jede Seite in einem eigenen Fenster öffnen.

Auch die Formulierung, Firefox würde von Chrome klauen, strotz nur so vor Sensationsjournalismus, denn klauen bezeichnet eine Straftat, die ganz offensichtlich nicht vorliegt. Klar, Mozilla nutzt tatsächlich in Firefox sogar von Google entwickelten Code, beispielsweise für das Sandboxing. Umgekehrt nutzt Google aber auch Code, der von Mozilla entwickelt worden ist, unter anderem war NSS viele Jahre lang Bestandteil von Chrome. Dieses sehr bekannte und erfolgreiche Prinzip hat sogar einen Namen: man nennt es Open Source. Und schlecht ist am Prinzip des Teilens, damit nicht jeder Software-Hersteller ständig das Rad neu erfinden muss, gewiss nichts.

Nun möchte ich Thema für Thema auf die einzelnen Inhalte dieses Artikels eingehen.

Multiprozess-Architektur. Wenn Ideen übernommen werden, dann sollte zumindest die Ehre dem gelten, dem die Ehre auch gebührt. Im Falle der Multiprozess-Architektur wäre das Microsoft. Denn Tatsache ist: Microsoft hat bereits 2008 mit dem Internet Explorer 8 Beta 1 eine Multiprozess-Architektur implementiert, Google war für Chrome erst ein halbes Jahr nach Microsoft dran. Tatsache ist auch, dass Apple im Jahr 2011 eine Multiprozess-Architektur in Safari implementiert hat. Opera als Chrome-Derivat besitzt eine solche sowieso. Damit bleibt Firefox als letzter bedeutsamer Browser übrig, der bisher noch keine Multiprozess-Architektur besessen hatte. Macht das Firefox wirklich zum Chrome-Klon, dass Mozilla mit Jahren Vespätung nachliefert, was alle anderen Browser längst haben, nicht nur Chrome? Zumal Chrome gar nicht der erste Browser war?

WebExtensions. Unbestritten sind die Ähnlichkeiten zwischen den WebExtensions von Firefox und den Erweiterungs-Schnittstellen von Chrome, dies ist auch beabsichtigt. Dass WebExtensions jedoch von Chrome unterstützt würden, wie chip.de schreibt, stimmt so nicht. Die Gründe, welche chip.de angibt, sind auch eher dünn und lassen ernsthafte Argumente wie die Kompatibilität mit der Multiprozess-Architektur, eine langfristige Strategie zur Abkehr von XUL oder dass WebExtensions das bieten sollen, was eigentlich schon Mozillas Add-on SDK sollte, Mozilla aber nicht gelang, komplett außen vor. Zumindest die leichtere Entwicklung browserübergreifender Add-ons als eine Motivation von Mozilla ist korrekt.

Was chip.de verschweigt: es geht bei Mozillas WebExtensions nicht darum, sich selbst auf das zu beschränken, was Chrome anbietet. Mozilla implementiert auch Schnittstellen, welche von Chrome überhaupt nicht unterstützt werden. Eine ausschließliche Chrome-Kompatibilität ist ein ausdrückliches Nicht-Ziel von Mozilla. Ebenfalls verschwiegen wird, dass Mozilla unter anderem sowohl mit Microsoft als auch mit Opera zusammenarbeitet, um ein gemeinsames Basis-Set von Erweiterungs-Schnittstellen zu standardisieren. Mozillas Vision geht hier also ganz klar darüber hinaus, Chrome nachzuahmen. Viel mehr ist Mozilla hier ein aktiver Teilnehmer, der zudem eine langfristige Kompatibilität auch zu anderen Browsern wie Microsoft Edge anstrebt. Und das Schlüsselwort hierbei ist gemeinsam, da man mit anderen Browserherstellern zusammenarbeitet. Google wurde in der oben verlinkten initialen Ankündigung – die immerhin von Opera kommt – übrigens nicht einmal erwähnt.

Schnellerer Release-Zyklus. Mozillas Release-Zyklus auf den Release-Zyklus von Google zurückzuführen, ist mit Sicherheit eine berechtigte Annahme. Nur muss man wirklich kein Experte sein, um zu der Feststellung zu kommen, dass Firefox nicht auf Dauer konkurrenzfähig sein kann, wenn Chrome alle paar Wochen besser und besser wird, während Mozilla nur alle ein bis zwei Jahre, wie in der Vergangenheit, Neuerungen ausliefert. Aber ganz davon abgesehen – wie macht der Release-Zyklus eines Produktes das Produkt zum Klon? Dies sind zwei vollkommen unterschiedliche und voneinander unabhängige Ebenen.

Die Behauptung von chip.de, es würde seit dem Klagen der Nutzer geben, die Qualität würde unter dem Release-Druck leiden, ist alleine deswegen schon kompletter Unfug, weil es so etwas wie einen Release-Druck überhaupt nicht gibt. Neue Features werden ausgeliefert, wenn sie fertig sind, vollkommen unabhängig von Terminen. Funktionen, die einen Release blockieren, gibt es im Gegensatz zu früher, vor dem schnellen Release-Zyklus, nicht mehr. Dazu hat Mozilla verschiedene Optionen. Ob Nutzer-Einstellungen, die per about:config umstellbar sind, oder gar Compiler-Flags, welche Features ohne Nutzer-Möglichkeit zur Umstellung auf Vorabversionen limitieren, Mozilla macht von beiden Optionen permanent Gebrauch.

Und auch die Termine sind nicht in Stein gemeißelt. Veröffentlichungen von Firefox wurden schon mehr als einmal verschoben. Zuletzt übrigens bei der gerade aktuellen Version Firefox 49. Aber vielleicht bekommt man das bei chip.de ja auch nicht mit, weil man meint, neue Firefox-Versionen bereits vor der offiziellen Veröffentlichung – und damit de facto oft fehlerhafte Versionen – an die Nutzer als vermeintlich neue Firefox-Versionen verteilen zu müssen.

Synchronisation. Bei chip.de führt man an, dass man bei Firefox, wie bei Chrome, für die Synchronisation nur noch eine E-Mail-Adresse und ein Passwort benötigt. Dies ist zwar korrekt, aber man wird kaum dadurch zum Chrome-Klon, dass man auf ein System setzt, welches man millionenfach von anderen Webseiten und Diensten kennt. Die Verwendung einer E-Mail-Adresse und eines Passwortes ist wahrlich nichts, was Google erfunden hätte.

Darüber hinaus gab es bekannte Probleme mit dem alten System, was zum Datenverlust von Nutzern geführt hat, welche sich bei der Neuaufsetzung ihres Systems keinen Wiederherstellungsschlüssel notiert hatten und Sync als Backup-System fehlinterpretierten. Dies war ein reales Problem, welches nicht anzugehen von Mozilla schlicht und ergreifend dumm gewesen wäre.

Überhaupt erscheint die Authentifizierungs-Methode doch eher als Detail, verglichen damit, dass Google im Jahr 2010 erstmals eine Synchronisation in Chrome eingeführt hat, Mozilla aber bereits im Jahr 2007, damals noch per Add-on.

Inwiefern Chrome kein Firefox-Klon sein soll, wo Google ein ganzes, komplexes Feature implementiert hatte, welches Mozilla schon Jahre vor Google hatte, Firefox aber ein Chrome-Klon sein soll, mit dem Argument, dass von eben jenem komplexen Feature eine einzelne Komponente nun ähnlich wie in Chrome funktioniert, wozu diese Funktionsweise auch noch dem Quasi-Standard für Authentifizierungen im Web entspricht, ist logisch nicht erklärbar.

Meiner Ansicht nach ist hier niemand als der Klon des jeweils anderen zu bezeichnen, denn die Synchronisation von Daten ist ein absolut natürliches Nutzer-Interesse.

Flash und PDF eingebaut. Es ist korrekt, dass Mozilla sich mit der Integration von PDFium in Firefox befasst, sowie mit Pepper-Flash als Alternative zum NPAPI-basierten Flash Player. Und auch hier bezieht sich chip.de wieder nicht auf Fakten und führt den Leser mit falschen Aussagen in die Irre. So vermittelt der Artikel den Eindruck, als hätte Firefox bisher noch überhaupt keinen PDF-Betrachter integriert, obwohl Firefox seit Jahren auf die Eigenentwicklung pdf.js setzt. Die Gründe für PDFium wie ein größerer Funktionsumfang, bessere Performance sowie dass sich Mozilla mehr auf Webstandards konzentrieren will, verschweigt chip.de komplett.

Und was Pepper-Flash betrifft, chip.de behauptet, Mozilla würde dieses wie Google in Chrome fest in den Browser integrieren wollen. Tatsächlich kann ich keine Quelle finden, die das aussagt, die Art der Distribution ist noch gar nicht entschieden. Das Mozilla Wiki schlägt zwar eine Implementierung als System-Add-on vor, das sagt aber erstens nichts darüber aus, ob jeder Nutzer einen integrierten Flash Player erhält oder nur Nutzer, die zuvor das entsprechende NPAPI-Plugin installiert hatten, zweitens steht dort explizit TBD, was auf Deutsch so viel heißt wie: noch nicht entschieden.

Interessant ist übrigens auch hier wieder die Chronologie der Ereignisse: Vor Pepper-Flash hat auch Chrome den NPAPI Flash Player unterstützt, genauso wie andere Plugins über die NPAPI-Schnittstelle. NPAPI steht für Netscape Plugin Application Programming Interface. Die gesamte Plugin-Schnittstelle stammt von Netscape – woraus Mozilla schließlich hervorging. Google hat die Netscape-Schnittstelle in Chrome implementiert und jahrelang genutzt. Geht es nach chip.de, ist also auch hier wieder Firefox der Klon von Chrome, obwohl Chrome schon wesentlich früher einen extrem wichtigen Teil des Webs in den vergangenen Jahren von Mozilla integriert hatte.

Dass Mozilla die NPAPI-Schnittstelle komplett aus Firefox entfernen möchte und das für alle anderen Plugins außer Flash in Firefox 53 auch tun wird, könnte in dem Zusammenhang, dass Mozilla den NPAPI-basierten Flash Player ersetzen möchte, natürlich auch erwähnt werden.

Fazit:
Falsche Behauptungen, Auslassen wichtiger Fakten und reißerische Formulierungen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Artikel. Hier wird eine Position des Verfassers deutlich, welche um jeden Preis durchgedrückt werden soll. Mit der sachlichen Information des Lesers hat dies nichts zu tun.

Natürlich müssen Artikel nicht immer auf die Wiedergabe von Fakten beschränkt sein, auch die Wiedergabe von Meinungen ist vollkommen in Ordnung – wie ich es ja auch in diesem Artikel mache. Meinungen jedoch nicht ausdrücklich als Meinung, sondern als Fakt darzustellen ist genauso unseriös wie Meinungen auf falschen Tatsachen zu begründen. Dies hat nicht nur nichts mit der sachlichen Information des Lesers zu tun, dies hat nicht einmal mehr etwas mit Journalismus zu tun.

Dies war nur das Beispiel eines einziges Artikels. Ursprünglich war geplant, dieses immer wieder auf dieser Seite auftauchende Muster an mehreren Beispielen darzustellen, denn Beispiele wie diese gibt es zahlreich (dank Google Alert landet jeder einzelne dieser Artikel in meinem Posteingang). Allerdings hat bereits dieser Artikel so viel Richtigstellung erfordert, dass es damit erst einmal genügen soll. Was nicht ausschließen soll, dass es vielleicht weitere Beispiele in einem zweiten Teil geben könnte.

Achtung: Dieser Artikel beschreibt ausschließlich die Meinung und persönliche Interpretation des Verfassers.

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